Olympia-Erfahrung für Warnemünde: Pınar Coşkuner Genç setzt als Gesamtwettfahrtleiterin neue Maßstäbe

Mit Pınar Coşkuner Genç übernahm erstmals eine Frau die Gesamtwettfahrtleitung (Principal Race Officer, PRO) der Warnemünder Woche. Die Türkin kennt vor allem die olympische Bühne wie kaum eine Zweite. 2024 übernahm sie – ebenfalls als erste Frau – die Wettfahrtleitung des Segelteils der Olympischen Spiele in Paris.
Vor rund zehn Jahren arbeitete sie bereits als Jury-Mitglied in Warnemünde. Wie ist es für sie, jetzt nach Warnemünde zurückzukehren? Es sei damals schon richtig gut in Warnemünde gewesen, erzählt sie. Eine wunderschöne kleine Stadt, ein lebendiges Fest an Land und ein Segelrevier der Extraklasse bildeten eine sehr gute Kombination für eine Veranstaltung wie die Warnemünder Woche. Schon damals sei ihr aufgefallen, dass die Einwohner das Segeln lieben. „Segeln ist tatsächlich ein Teil des Lebens in Warnemünde!“, schwärmt sie. Seit ihrem ersten Einsatz in Warnemünde habe sich vor Ort einiges getan.
Durch die im vergangenen Jahr eröffnete Sportschule auf der Mittelmole hat sich die Infrastruktur für die Durchführung einer großen Segelveranstaltung nochmals deutlich verbessert. „Ich habe bei den letzten vier Olympischen Spielen mitgewirkt, und solch ein Gebäude mit dieser Ausstattung hatten wir nie zur Verfügung“, schwärmt Coşkuner Genç. Besonders hebt sie den großen Besprechungsraum hervor, der für die Warnemünder Woche als Lagezentrum – kurz: die Lage – dient. Von hier aus haben die Offiziellen einen sehr guten Blick direkt auf das Wasser und die einzelnen Bahnen. Ein riesiger Bildschirm versorgt sie mit Echtzeitdaten. „Genau diese Infrastruktur aus schnell erreichbaren Bahnen auf dem Wasser und Anlaufpunkten an Land benötigen wir!“, fasst sie zusammen.
Mit fünf Jahren sammelte Coşkuner Genç zusammen mit ihren Eltern in der Türkei ihre ersten Segelerfahrungen. Über Jollen wie den Cadet fand sie als Vorschoterin den Weg in den 470er und peilte sogar eine Olympiakampagne für die Spiele 1996 an. Aufgrund von Budgetproblemen platzte der olympische Traum. Doch Coşkuner Genç sollte einen anderen Weg zu den Olympischen Spielen finden: als unverzichtbarer Teil der Struktur, die für die Athleten so wichtig ist – der Wettfahrtleitung.
Denn als sie mit ihrem Mann eine Familie gründete, stieg sie aus dem 470er aus, wollte aber weiterhin einen aktiven Part haben und startete als Wettfahrtleiterin neu durch.
2012 leitete sie in London die Wettfahrten der paralympischen Sonar-Klasse, in Rio de Janeiro und Tokio verantwortete sie „ihre“ 470er-Klasse. 2024 folgte schließlich die Gesamtverantwortung für den Segelteil in Paris beziehungsweise Marseille. „Als erste Frau stand ich natürlich unter Beobachtung, aber ich habe diese Stelle nicht bekommen, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich die entsprechende Qualifikation mitbrachte“, führt sie aus. Pınar Coşkuner Genç ist eine von nur sieben Personen weltweit, die eine Lizenz als International Race Officer (IRO), International Umpire (IU) und International Judge (IJ) besitzen. Bei ihrer Arbeit als Wettfahrtleiterin sieht sie sich vor allem in der Verantwortung gegenüber den Seglerinnen und Seglern.
„Ob bei den Olympischen Spielen oder hier in Warnemünde: Wir veranstalten die Wettfahrten für die Athleten, nicht für uns. Sie stecken sehr viel Arbeit in eine Kampagne – in einem Olympiazyklus bis zu vier Jahre. Wir müssen ihnen immer die bestmöglichen Rennen bieten“, führt Coşkuner Genç aus. Wichtig sei dabei der Informationsfluss zwischen allen Beteiligten – an Land und auf dem Wasser. Nur so lasse sich der Anspruch auf gute Rennen verwirklichen.
Pınars Anspruch fruchtet in Warnemünde. Aus den Reihen der Seglerinnen und Segler gab es in den vergangenen Tagen viel Lob für die Arbeit der Wettfahrtleitungen. Dass Rennen unter den anspruchsvollen Starkwindbedingungen gestartet worden sind, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Seglerinnen und Segler waren froh, ihre Wettbewerbe auf dem Wasser austragen zu können – dafür reisten sie schließlich an. „Oberste Priorität bei der Entscheidung ist immer die Sicherheit der Teilnehmer“, sagt sie.
Auch mit ihrer Wahl im April vergangenen Jahres zur ersten Präsidentin in der Geschichte von EUROSAF bringt Pinar etwas nach Warnemünde, das für die Zukunft der Warnemünder Woche wichtig ist: ein enges internationales Netzwerk. Ihre Sprachfertigkeiten sind ein weiterer Vorteil – neben Türkisch spricht sie fließend Englisch, Italienisch und Deutsch. Eine Regattawoche mit internationalem Meldefeld benötigt genau solche Qualifikationen.
„Die Warnemünder Woche ist regional sehr bekannt, und auch die deutschen Seglerinnen und Segler schätzen die Veranstaltung. Aber international ist sie nicht bekannt“, sagt sie mit Blick in die Zukunft. Um das zu ändern, brauche es mehr Marketing und weitere Investitionen in den Standort Warnemünde.
Nach drei Tagen Warnemünder Woche wünscht sie sich persönlich nun aber auch etwas Sonne und Wärme für die restlichen Tage. „Ich weiß, dass die Ostsee nicht einfach ist. Hier kann alles kommen. Und das ist ja auch der Reiz des Reviers!“ Privat segelt Pinar auch noch immer regelmäßig im Mittelmeer – auch Regatten. Denn Segeln war schon immer ihre große sportliche Liebe.
Ach, und Pınar: Kann Warnemünde Olympia? „Ich denke, Warnemünde kann Olympia!“





